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Biala Podlaska Ghetto

Letztes Update 26. Juli 2006





Ghettos
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Biala Podlaska liegt 162 km östlich von Warschau, 120 km nördlich von Lublin und 61 km östlich von Siedlce. 1931 betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung 64,7% (6.923 von 10.697). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde schnell gewachsen. Juden besaßen z.B. eine Nagelfabrik, eine Gerberei, eine Schuhfabrik, Sägewerke, Ziegeleien, Mühlen, eine Seifenfabrik, eine Brauerei und diverse andere kleine Betriebe. Wie jedocjh auch in anderen Orten gab es viele, die in Armut lebten.
Die Juden von Biala Podlaska waren typisch für die kleinen Gemeinden dieser Zeit: Sie waren mehr oder weniger gläubig, und manche waren beeinflusst von den Haskalah ("Erleuchtung") und zionistischen Bewegungen.

Die Deutschen besetzten die Stadt am 13. September 1939, zogen sich aber am 26. September wieder zurück, um den Sowjets die Stadt zu überlassen. Am 10. Oktober 1939 verließen die Sowjets die Stadt wieder, weil nach dem Molotov/Ribbentrop-Pakt Biala Podlaska den Deutschen zufiel. Zusammen mit den sowjetischen Truppen verließen 600 Juden die Stadt, um im sowjetisch besetzten Ostpolen zu leben.

Im November 1939 wurde ein Judenrat gebildet, geleitet von Icchak Pirzyc. So weit wie möglich versuchte der Judenrat als Nachfolger des jüdischen Vorkriegs-Gemeinderates Kehillah, eine öffentliche Armenküche und das jüdische Krankenhaus zu betreiben sowie andere Gemeindeangelegenheiten zu erledigen.

Am 1. Dezember 1939 erließen die deutschen Behörden den Befehl an alle Juden ab 6 Jahre, eine Binde am rechten Arm zu tragen, die einen gelben Davidstern zeigte (die Farbe wurde später in blau geändert). Den Juden wurde auch befohlen, in das Gebiet zwischen den Straßen Grabanow, Janowa, Prosta und Przechodnia zu ziehen. Gleichzeitig wurde ein Jüdischer Ordnungsdienst eingerichtet.

Ende 1939 trafen 2.000 - 3.000 Juden in Biala Podlaska ein, die aus Suwalki und Serock deportiert worden waren. Sie verschärften das Elend im überfüllten jüdischen Wohnbezirk noch (ein geschlossenes Ghetto gab es in Biala Podlaska nicht). Bedingt durch die schlechten hygienischen Verhältnisse trat im Frühjahr 1940 eine Typhus-Epidemie auf, die viele Opfer forderte.
In dieser Zeit trafen auch weniger als 200 Überlebende eines Todesmarsches von etwa 880 jüdischen Kriegsgefangenen in der Stadt ein, die im dortigen Kriegsgefangenenlager interniert wurden.

Im Juli 1940 wurde eine unbekannte Anzahl von jüdischen Männern aus Biala Podlaska nach Arbeitslagern in Belzec geschickt. Im Herbst 1940 musste der Judenrat Arbeiter bereit stellen, die von den Deutschen in der Stadt und ihrer Umgebung geplanten Fabriken bauen sollten. Dazu wurden Arbeitslager in der Nähe der Baustellen eingerichtet. Hunderte jüdischer Händler wurden in sieben Arbeitslagern eingesperrt, u.a. auf dem Flugplatz, dem Bahnhof und dem Wineta-Lager im Wola-Bezirk. Hunderte anderer Juden mussten schwere Arbeit leisten im Straßenbau, beim Ausheben von Gräben, beim Bau von Abwasserleitungen, Sägewerken und Baracken. Viele Frauen arbeiteten auf dem Anwesen “Halas” des Herzogs Potocki.

Announcement
Bekanntmachung *
In den Jahren 1940 und 1941 trafen mehrere hundert deportierte Juden aus Krakow und Mlawa in Biala Podlaska ein.
Am 15. Mai 1941 wurde das jüdische Kriegsgefangenenlager geschlossen und dessen überlebende Insassen mit der Bahn nach Konskowola weiter im Westen gebracht.
Als Resultat der vielen "Umsiedlungen" war die jüdische Bevölkerung in Biala Podlaska im März 1942 auf etwa 8.400 angewachsen. Am 6. Juni 1941 wurde den "Ariern" per Befehl verboten, mit Juden Handel zu treiben. Ende June 1941 deportierte man eine unbekannte Anzahl von Juden nach Auschwitz als Strafe dafür, dass man sowjetischen Kriegsgefangenen, die durch die Stadt marschiert waren, Brot gegeben hatte. Die Deportierten gehörten zu den ersten jüdischen Opfern von Auschwitz.

Am 6. Juni 1942 gab es Gerüchte in der Stadt, dass die Juden von Biala Podlaska weiter nach Westen deportiert werden sollten. Nur die Insassen der Zwangsarbeitslager, die Fabrikarbeiter und die Inhaber von Arbeitserlaubnissen sollten von der Deportation ausgenommen sein.
Am 10. Juni 1942 wurden 3.000 Juden, unter ihnen auch viele Alte, Frauen und Kinder, um 5 Uhr morgens im Hof der Synagoge zusammengetrieben. Viele folgten dem Befehl nicht und flüchteten in die Wälder. Deutsche Polizei brachte die Juden zum Bahnhof, wo sie am nächsten Tag in Güterwagen verladen und in das Vernichtungslager Sobibor gebracht wurden. Dort angekommen, glaubten die Menschen, sie seien in einem Arbeitslager. Man übergab der SS ein Schreiben der Stadtverwaltung von Biala Podlaska, in dem um anständige Behandlung der Eingetroffenen gebeten wurde. Für diese "Unverschämtheit" suchte die SS 200 Juden für eine "Sonderbehandlung" aus, alle anderen wurden sofort vergast. Diese "Spezialbehandlung" bestand darin, Gepäck von Lager II zu holen und es im Laufschritt in einen Zug zu verladen, verbunden mit einem Spießrutenlaufen an den SS-Männern vorbei, die mit Peitschen und Knüppeln auf sie einschlugen. Diese Juden wurden danach auch vergast.
Eine Woche später sprach Emanuel Ringelblum in Warschau mit dem Chef der jüdischen sozialen Hilfe in Biala Podlaska, der ihn wütend fragte:
"Wie lange werden wir noch wie Schafe zur Schlachtbank gehen? Warum bleiben wir stumm? Warum gibt es keinen Aufruf in die Wälder zu fliehen, keinen Ruf nach Widerstand?"
Ringelblum schrieb in sein Tagebuch:
"Diese Frage quält uns alle, aber es gibt keine Antwort. Jeder weiß, dass Widerstand, besonders wenn auch nur ein einziger Deutscher umgebracht wird, zum Abschlachten einer ganzen Gemeinde oder sogar vieler Gemeinden führen könnte.
Die ersten, die zum Abschlachten geschickt werden, sind die Alten, die Kranken, die Kinder; jene, die keinen Widerstand leisten können. Die Starken, die Arbeiter, lässt man leben, weil sie noch eine Weile gebraucht werden.
Die Evakuierungen werden so durchgeführt, dass es nicht immer und nicht für jeden klar ist, dass ein Massaker stattfindet. Der Lebenswille der Arbeiter und Inhaber von Arbeitserlaubnissen ist so stark, dass er den Kampfeswillen überdeckt; den Drang, die ganze Gemeinde zu verteidigen ohne den Gedanken an die Konsequenzen. Und wir bleiben zurück, um wie die Schafe zur Schlachtbank zu gehen. Dies ist teilweise zurück zu führen auf den geistigen Zusammenbruch und Verfall, der verursacht wurde durch beispiellosen Terror, der den Juden in drei Jahren zugefügt worden ist und in Zeiten solcher Evakuierungen einen Höhepunkt erreicht.
Der Effekt von all diesem zusammen genommen ist, dass wir im Moment eines möglichen Widerstandes völlig kraftlos sind und der Feind mit uns macht, was er will... Nicht handeln, keine Hand gegen die Deutschen erheben wurde seitdem zum stillen, passiven Heldentum des normalen Juden...
"

Nach der ersten Deportation verkleinerten die Deutschen das Ghettogebiet. In der Nacht des 4. August 1942 riegelten deutsche Polizei und Polen das Gebiet ab, holten Männer aus ihren Häusern, versammelten sie auf dem Marktplatz und kontrollierten ihre Arbeitserlaubnisse. Danach ließ man sie frei, brachte aber noch in der Nacht 19 andere Juden um.
Am 12. August nahmen deutsche Gendarmen und ukrainische Freiwillige jüdische Männer fest und versammelten sie auf einem Platz im Wola-Viertel. Der Judenrat beschwerte sich bei den deutschen Behörden, woraufhin die Arbeiter entlassen wurden. Trotzdem wiederholten sich die Festnahmen einige Tage später. Etwa 400 Juden, einschließlich von Mitgliedern des Judenrates, wurden dann nach Majdanek deportiert. Dort verblieben 50 Juden, während die anderen 350 Männer zu Bahnarbeiten nach Golab gebracht wurden, was zwischen Lublin und Pulawy liegt.

Im September 1942 trafen 3.000 Deportierte aus Janow und Konstantynow in Biala Podlaska ein, was die Überfüllung des Ghettos immer unerträglicher machte. Der SD-Mann Glätt zog Wertsachen ein, die die Juden noch aufbewahrt hatten und verhängte eine Geldstrafe von 45.000 Zlotys. Die Juden spürten, dass die Deutschen beabsichtigten, sie bald umzubringen. Viele versuchten, in die Wälder zu fliehen, Bunker auszugraben, Verstecke einzurichten oder sich in Kellern zu verstecken.

Die zweite Deportation begann am 26. September 1942 und endete am 1. Oktober 1942. An dieser Aktion waren Gestapo-Männer, Gendarmerie, deutsche und polnische Polizei sowie Soldaten vom nahe gelegenen Flugplatz beteiligt. Schon in der Nacht vor der Aktion hatten deutsche Truppen das Ghetto umzingelt. Am Morgen wurden die Juden aus ihren Wohnungen getriebenund auf dem Neuen Markt (Rynek) versammelt. Sich widersetzende Juden wurden auf der Stelle erschossen. 15 Patienten und 2 Krankenschwestern des Jüdischen Krankenhauses wurden von Gestapo-Männern erschossen. Von den versammelten Juden wurde eine Anzahl ausgesondert und als Zwangsarbeiter zum Flugplatz in Malaszewicze bei Terespol geschickt. Die meisten der auf dem Marktplatz versammelten Juden wurden dann nach Miedzyrzec Podlaski geschickt, auf Wagen der Einwohner in der Umgebung. Auf dem Weg brachte man viele Juden im Woronica-Wald um.

Am 6. Oktober 1942 deportierten die Deutschen etwa 1.200 Arbeiter von den Zwangsarbeitslagern in der Nähe von Biala Podlaska nach Miedzyrzec Podlaski. Nur wenigen gelang die Flucht in die Wälder. Bei der Ankunft auf dem Bahnhof von Miedzyrzec Podlaski wurden den Arbeitern eine Gruppe von Juden hinzugefügt, die schon einige Tage vorher deportiert worden waren. Alle wurden dann ins örtliche Ghetto gebracht, von dem sie dann letztlich ins Vernichtungslager Treblinka gebracht wurden.
Im Juli 1943, nach einigen "Aktionen" Ende 1942 und im Mai 1943, wurde schließlich das Miedzyrzec Podlaski Ghetto liquidiert und die noch verbliebenen Juden nach Treblinka in den Tod geschickt.

Die Deutschen ließen eine Gruppe von 300 Juden in Biala Podlaska, die das Ghetto säubern und sowohl die Synagoge als auch die Predigerhäuser zerstören sollte. Im Mai 1944 brachte man die noch lebenden Juden ins KL Majdanek.

Biala Podlaska wurde am 26. Juli 1944 von der Roten Armee befreit. Von den mehr als 6.000 jüdischen Einwohnern (1939) waren bei Kriegsende nur noch 300 am Leben.

Fotos:
GFH *

Quellen:
Gilbert, Martin. The Holocaust – The Jewish Tragedy, William Collins Sons & Co. Limited, London, 1986.
Arad, Yitzhak. Belzec, Sobibor, Treblinka - The Operation Reinhard Death Camps, Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis, 1987.
www.jewishgen.org
http:motlc.learningcenter.wiesenthal.org/

Fast 9,000 Juden lebten im Ghetto


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